Freitag, 6. April 2012
Karfreitag
Die Kinder sind auf eigenen Wunsch für ein paar Tage zu Ihrer Großmutter väterlicherseits gefahren. Sie sehen die alte Dame nur selten und Leonie ist erleichtert, daß der Kontakt bestehen bleibt. Eine bescheidene und sehr starke Frau ist sie - Lina - die Mutter ihres Exmannes. Dort sind die Kinder auf jeden Fall über Ostern gut aufgehoben. Leonie ist sehr froh, mal ein paar Tage für sich zu haben und mit ihrer Arbeit vorankommen zu können. Ab Dienstag muß sie ja wieder zu Ihrer Arbeitsstelle. Erst nur vierstundenweise aber dann bald wieder normal. Sie fürchtet sich davor. Wie wird sie es in dieser rauhen Welt der Industrie schaffen mit ihrem neuen Bewußtsein und ihrer neuen Empfindsamkeit zurecht zu kommen? Früher hatte sie Ihren Verstand als Rüstung, Schutzschild und Waffe. Jetzt will sie nicht mehr kämpfen. Wird sie jetzt überrollt werden? Oder wird gar alles leichter? Sie beschließt auch das an die höhere Macht abzugeben und sich weiterhin darum zu bemühen im Augenblick zu bleiben. (5) Ein Wecker tickt, (4) draußen fährt ein Auto vorbei, (3) Das Schnurren von Schneewitchen (2) das Knacken vom Holz im Ofen hinter ihr, (1) ihren eigenen Atem - (5) der linke Fuß steht fest auf dem Fußboden auf, (4) die rechte Kniekehle drückt sich in das linke Knie, (3) ein leichter Innendruck wirkt auf die Augen und die Stirn, (2) der Rücken ist krumm, (1) die Ellenbogen liegen auf dem Schreibtisch auf - (5) Die PC Tastatur, (4) der PC Bildschirm, (3) Schneewittchen, die Borderlinekatze liegt ruhig neben ihr auf dem Schreibtisch, (2) eine Kaffeetasse, (1) Der hölzerne Buchrücken des Adressbuches (5) Bananengeschmack, (4) unterschwelliger Kaffegeschmack, (3) etwas saueres, (2) etwas rauchiges, (1) etwas süßes - (5) Elektrizität, (4) Holzrauch, (3 ) altes Holz, (2) Katze, (1) Kaffee.
Diese Übung hat Leonie in der Reha gelernt und sie hilft ihr sich wieder zu stabilisieren. Sie geht dazu einfach ihre 5 Sinne durch und beschreibt, was sie hört, fühlt, sieht, schmeckt und riecht. Schmecken und riechen fallen ihr dabei immer am schwersten, aber es gibt wenig, was sie so beruhigen kann. Schlechte Nachricht hat sie bekommen. Tanja und Angelika müssen irgendwie aneinandergeraten sein. Irgendwas war in der Kerngruppe los...Leonie hat von Corinna und Malak nur Bruchstücke mitbekommen, aber daß Angelika zuhause ist....vorrübergehend oder doch ganz. Leonie hat sich sofort an Angelika gewandt, aber die Telefonnummer war falsch...die Vorwahl war statt "51" - "11". Also hat sie ihr eine SMS geschrieben, daß sie sich mal melden soll. Und Angelika hat sich gemeldet, Gott sei Dank. Sie ist mit ihrer Schwester unterwegs und wird sich Sonntag oder Montag bei Leonie melden. Das ist gut, jetzt ist Leonie wieder beruhigt. Die gute hatte sie auch wieder daran erinnert, daß alles einen Sinn macht. Ja, Angelika, danke, denkt Leonie. Alles ist gut. Mit ihrer Freundin Ellen hat Leonie heute auch schon telefoniert. Sie haben sich gegenseitig viel zu geben. Leonie hat ihr versprochen ihr das Buch und eine CD von Iria zu schicken. Leonie will es sofort tun, dann wird es nicht vergessen und Ellen freut sich sicher darauf. Einen Rückumschlag für das Buch wird Leonie für Ellen auch dazu legen. Sie freut sich schon auf Ellens Beitrag. Es tut gut, Freundinnen zu haben, denkt Leonie. Wie einfach ist es, wenn ich über meine Sorgen und Probleme sprechen kann, wenn ich höre, wo andere am kämpfen sind, wenn man sich trifft und ergänzt. Danke höhere Macht, danke an die Freundinnen.
Jetzt wird es schon dunkel draußen...da ist es gut, wenn es drinnen warm ist voller guter Gedanken und aufgeräumt. Sie hat wieder mal Mühe sich zu entscheiden, was gut ist. Da sind ganz leichte Kopfschmerzen zu spüren. Nichts anstrengendes mehr machen, denkt Leonie, es ist Zeit, Atem zu holen und neue Kraft zu sammeln. Vielleicht das Hörspiel vom kleinen Prinzen anhören und dabei ein paar Photos sortieren. Aber nur die neuesten, die aus BGB. Die alten sind zu belastend und ausserdem in Beschlag von Helena.

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