Freitag, 6. April 2012
Angst
Leonie hat Angst heute Abend. Sie befürchtet, Wolf könnte da draußen im Dunkeln auf sie lauern. Sorgfältig schließt sie alle Vorhänge und Rollos in ihrem Haus und schließt die Haustüre ab.
Sie weiß, daß das alles nichts bringt, wenn er sie holen will, dann wird er es tun, dann kann nichts ihn aufhalten, aber sie hofft, daß der den letzten Schritt, das Überschreiten dieser Grenze nicht tun wird.
Es ist Zeit zu schlafen. Aber Leonies Gedanken sind ruhelos. Sie bekommt kaum Luft. Sie wird den inneren sicheren Ort aufsuchen und danach noch etwas beruhigendes lesen. Sie braucht dringend etwas mehr Schlaf. Sie geht in die Küche, räumt noch den Rest des Abendessens weg und geht dann ins Badezimmer um sich für die Nacht vorzubereiten. Der Blickschutz an allen Fenstern tut ihr sehr gut, sie fühlt sich alleine und geschützt. Als sie ins Wohnzimmer kommt, lacht sie plötzlich die Gitarre so an. Sie setzt sich hin, prüft die Stimmung und spielt und singt wie immer als erstes "wish you were here" von Pink Floyed. Sie denkt dabei - wie immer - an ihren Bruder Wolfgang. Ob er überhaupt jemals wieder mit ihr zu tun haben will. Sie erinnert sich nur ungern an den großen Streit, den sie hatten. Den einzigen den sie jemals hatten, der aber kurz vor seinem Abschied gewesen war. Nur weil sie sich so nahe waren konnten sie einander so verletzen. Sie konnten die Mißverständnisse aus dem Weg räumen. Es waren böse Intrigen im Spiel gewesen. Aber sie hatte nicht vertraut. Am Ende hat sich alles aufgelöst. Sie weiß nicht, ob er ihr wirklich verziehen hat. Seine Umarmung war ehrlich und gut. Pass auf Dich auf, hat er gesagt und daß sie jetzt das kämpfen gelernt habe und es nutzen solle, wenn sie es brauche. Ist das der Grund, warum er sich nicht meldet? Weil er weiß, daß sie auch ohne ihn klar kommt. Wollte er am Ende schon immer weg und ist nur ihretwegen geblieben? Oh Wolfgang, es tut mir so wahnsinnig leid. Sie wünschte sich sehr mit ihm darüber sprechen zu können, ihn fragen zu können, warum er weggegangen ist und was sie falsch gemacht habe. Sie singt noch "these songs of freedom", "Leaving on a jet plane", "Wild World" und "Imagine". Danach ist die Angst weg. Leonie geht in ihr Schlafzimmer unterm Dach - ihren Giebelraum - und macht noch eine Stabiübung. Danach schläft sie friedlich ein.

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Karfreitag
Die Kinder sind auf eigenen Wunsch für ein paar Tage zu Ihrer Großmutter väterlicherseits gefahren. Sie sehen die alte Dame nur selten und Leonie ist erleichtert, daß der Kontakt bestehen bleibt. Eine bescheidene und sehr starke Frau ist sie - Lina - die Mutter ihres Exmannes. Dort sind die Kinder auf jeden Fall über Ostern gut aufgehoben. Leonie ist sehr froh, mal ein paar Tage für sich zu haben und mit ihrer Arbeit vorankommen zu können. Ab Dienstag muß sie ja wieder zu Ihrer Arbeitsstelle. Erst nur vierstundenweise aber dann bald wieder normal. Sie fürchtet sich davor. Wie wird sie es in dieser rauhen Welt der Industrie schaffen mit ihrem neuen Bewußtsein und ihrer neuen Empfindsamkeit zurecht zu kommen? Früher hatte sie Ihren Verstand als Rüstung, Schutzschild und Waffe. Jetzt will sie nicht mehr kämpfen. Wird sie jetzt überrollt werden? Oder wird gar alles leichter? Sie beschließt auch das an die höhere Macht abzugeben und sich weiterhin darum zu bemühen im Augenblick zu bleiben. (5) Ein Wecker tickt, (4) draußen fährt ein Auto vorbei, (3) Das Schnurren von Schneewitchen (2) das Knacken vom Holz im Ofen hinter ihr, (1) ihren eigenen Atem - (5) der linke Fuß steht fest auf dem Fußboden auf, (4) die rechte Kniekehle drückt sich in das linke Knie, (3) ein leichter Innendruck wirkt auf die Augen und die Stirn, (2) der Rücken ist krumm, (1) die Ellenbogen liegen auf dem Schreibtisch auf - (5) Die PC Tastatur, (4) der PC Bildschirm, (3) Schneewittchen, die Borderlinekatze liegt ruhig neben ihr auf dem Schreibtisch, (2) eine Kaffeetasse, (1) Der hölzerne Buchrücken des Adressbuches (5) Bananengeschmack, (4) unterschwelliger Kaffegeschmack, (3) etwas saueres, (2) etwas rauchiges, (1) etwas süßes - (5) Elektrizität, (4) Holzrauch, (3 ) altes Holz, (2) Katze, (1) Kaffee.
Diese Übung hat Leonie in der Reha gelernt und sie hilft ihr sich wieder zu stabilisieren. Sie geht dazu einfach ihre 5 Sinne durch und beschreibt, was sie hört, fühlt, sieht, schmeckt und riecht. Schmecken und riechen fallen ihr dabei immer am schwersten, aber es gibt wenig, was sie so beruhigen kann. Schlechte Nachricht hat sie bekommen. Tanja und Angelika müssen irgendwie aneinandergeraten sein. Irgendwas war in der Kerngruppe los...Leonie hat von Corinna und Malak nur Bruchstücke mitbekommen, aber daß Angelika zuhause ist....vorrübergehend oder doch ganz. Leonie hat sich sofort an Angelika gewandt, aber die Telefonnummer war falsch...die Vorwahl war statt "51" - "11". Also hat sie ihr eine SMS geschrieben, daß sie sich mal melden soll. Und Angelika hat sich gemeldet, Gott sei Dank. Sie ist mit ihrer Schwester unterwegs und wird sich Sonntag oder Montag bei Leonie melden. Das ist gut, jetzt ist Leonie wieder beruhigt. Die gute hatte sie auch wieder daran erinnert, daß alles einen Sinn macht. Ja, Angelika, danke, denkt Leonie. Alles ist gut. Mit ihrer Freundin Ellen hat Leonie heute auch schon telefoniert. Sie haben sich gegenseitig viel zu geben. Leonie hat ihr versprochen ihr das Buch und eine CD von Iria zu schicken. Leonie will es sofort tun, dann wird es nicht vergessen und Ellen freut sich sicher darauf. Einen Rückumschlag für das Buch wird Leonie für Ellen auch dazu legen. Sie freut sich schon auf Ellens Beitrag. Es tut gut, Freundinnen zu haben, denkt Leonie. Wie einfach ist es, wenn ich über meine Sorgen und Probleme sprechen kann, wenn ich höre, wo andere am kämpfen sind, wenn man sich trifft und ergänzt. Danke höhere Macht, danke an die Freundinnen.
Jetzt wird es schon dunkel draußen...da ist es gut, wenn es drinnen warm ist voller guter Gedanken und aufgeräumt. Sie hat wieder mal Mühe sich zu entscheiden, was gut ist. Da sind ganz leichte Kopfschmerzen zu spüren. Nichts anstrengendes mehr machen, denkt Leonie, es ist Zeit, Atem zu holen und neue Kraft zu sammeln. Vielleicht das Hörspiel vom kleinen Prinzen anhören und dabei ein paar Photos sortieren. Aber nur die neuesten, die aus BGB. Die alten sind zu belastend und ausserdem in Beschlag von Helena.

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Der böse Wolf geht um
Wolf ist wieder da: Ein Mann, den Leonie seit Kindertagen kennt und der immer mal wieder auftaucht und wieder verschwindet. Sie war damals 12, als sie ihn kennen lernte - er war schon 27 Jahre alt. Ein Außenseiter, hochintelligent, aber unheimlich und deshalb von den anderen Dorfbewohnern gemieden. Leonie hatte keine Angst vor ihm. Er brauchte sie, ihre kindliche Liebe, ihr Vertrauen, das spürte sie. Und das schenkte sie ihm damals. Das erste mal hatten sie miteinander geschlafen als sie 13 wurde. Das war eine aufregende Zeit für sie. Er mietete ihnen beiden ein Pensionszimmer in einem Ort weit weg von zuhause. Er bettete sie auf Blumen und verwöhnte ihren Körper und ließ sie spüren, daß sie für ihn schon eine Frau war. Sie traf ihn immer mal wieder. Er war viel unterwegs. Sie sprachen nie darüber, was er während dieser langen Zeit der Abwesenheit tat. Sie waren immer nur im Augenblick. Die Abstände zwischen seinen Besuchen wurden länger. Einmal blieb er drei Jahre lang fort. Aber er kam wieder, stand plötzlich an einer Straßenecke, machte die Autotür auf und ließ sie einsteigen und dann waren sie wieder zusammen, als hätte es die lange Zeit der Einsamkeit nie gegeben. Aber dann hat Leonie geheiratet - und Wolf hat das nicht verkraftet. Wie immer stand er an einer Straßenecke, sie war gerade einkaufen. Sie stieg in sein Auto und sagte ihm, daß es nun mit ihnen vorbei sein müsse, weil sie geheiratet habe und ihren Mann auch liebe. "Bitte vergiß mich Wolf. Es passt nicht mehr...ich brauche einen Mann, der beständig an meiner Seite ist." Da zeigte sich Wolf von einer Seite, die Leonie bis dahin verborgen gewesen war: Er fletschte die Zähne und fing an zu knurren. Erst jetzt, wo Leonie ihn erschrocken richtig ansah, bemerkte sie die Veränderung, die mit ihm während seiner letzten Abwesenheit vorgegangen war. Er hatte überall leichtes Fell bekommen, seine Augen waren rotunterlaufen und seine Hände, die doch immer so sanft gewesen waren ähnelten jetzt Klauen. Seine Zähne sahen wie Reisszähne aus. Leonie bekam Angst und verlangte auszusteigen, doch Wolf fuhr einfach weiter, bis in die Stelle am Waldrand in deren Nähe der Platz war an dem sie sich so oft getroffen hatten. Leonie bettelte ihn an, weinte und flehte. Wolf starrte nur eisig vor sich hin. Leonie riß die Autotür auf und rannte weg, so schnell sie konnte. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Aber jetzt spürt sie, daß er wieder da ist. Sie spürt es an ihrer Angst, am bis zum Hals laut schlagenden Herz- wahrscheinlich ist das auch der Grund warum Angie immer Nachts wach wird. Längst weiß Leonie, daß Wolf ein Werwolf ist, sie hatte sich heimlich darüber informiert. Aber sie hatte gehofft, ihre Liebe wäre stark genug um verschont zu bleiben. Nun ist er also wieder da. Leonie denkt an ihren Bruder. Vor der Abreise hatte er ihr zugeflüstert, sie solle gut auf sich aufpassen. Sie hatte genickt. Nun ist es also soweit. Sie muß sich dem, was da kommen wird ganz alleine stellen. Wenn doch ihr Bruder Wolfgang hier wäre, wenn sie nur mit ihm reden könnte. Er hatte sie immer beschützt, wenn die Mutter wieder zugeschlagen hatte, er hatte zu ihr gestanden, als sie in einer bösen Schulklasse war, wo sie wegen ihrer meist guten Noten von anderen misshandelt wurde und er war es auch, der immer genau zu wissen schien, was gerade in ihr vorging. Wolfgang war ein Schatz in ihrer Kindheit und ihrem jungen Erwachsenenleben gewesen. Bis sie geheiretet hatte - dann war er fort gegangen. Wie sehr sie ihn seitdem vermisste. Da hilft nur Iria und ihre uralten Weisen von Licht und Kraft. Leonie öffnet ihr Herz für Irias Schwingungen und atmet tief durch. Und wie immer ist Iria da - sie kann sie nicht sehen, aber in ihrem Kopf und ihrem Herzen hört sie die Lieder, die sie so oft zusammen gesungen haben. Es ist Zeit sich dem Tag zu widment, denkt Leonie und weiter zu machen, womit sie begonnen hat. Ich reinige mein Haus, damit sich hier nur gute Geister wohlfühlen....ich werde bis in die letzte Schublade alles dorthin ordnen, wo es hingehört und mich darin wieder finden. Ich werde eine Kerze anzünden für die Liebe und das Licht und Gott um Hilfe bitten und um die Kraft seinen Willen auszuführen. Ich werde Gott danken, für die wunderbaren Menschen, die er mir zur Hilfe schickt und für die Kinder, die mir geschenkt wurden. Ich sing ihm mein Lied.
Mit neuer Kraft macht sich Leonie an die Arbeit. Sie fängt im Schuppen an - dort funktioniert sei zwei Tagen das Licht nicht mehr. Das Licht ist wichtig, weil Leonie oft spät Abends noch Holz für das Feuer hereinholen muß. Sie geht aber nicht gerne im Dunkeln dorthinein, in diesen Schattenraum. Sie öffnet den Verschlußdeckel der Lampe und bekommt erst einmal eine Pfütze Wasser ab....als sie die Glühbirne rausdreht, bemerkt sei, daß auch diese nass ist. Aber seltsam: Sie ist nicht kaputt. Leonie läßt sie eine Weile trocknen und schraubt sie dann in eine andere Fassung im Haus um zu testen, ob es an der Birne oder an der Lampe liegt. Die Glühbirne sieht heil aus....liegt es am Ende an der Lampe. Wie seltsam. Die Lampe hatte ihr Schwager Jörg angeschlossen. Er ist Elektroingenieur und Perfektionist. Was er macht hat immer Hand und Fuß. Um ganz sicher zu gehen schraub Leonie die Birne in die Fassung im Wandschrank unter dem Dach ein und siehe da: Es liegt doch an der Glühbirne. Sie ist tatsächlich kaputt, auch wenn man es nicht sehen kann. Erleichtert holt Leonie eine neue Glühbirne aus dem Keller, schraubt diese im Schuppen an, schraubt die getrocknete Abdeckung wieder an und freut sich über diesen ersten Erfolg des Tages, als das Licht nach Betätigung des richtigen Schalters wieder funktioniert.

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